Hilfe für das Knie

Pressemitteilung anlässlich der Zertifizierung unseres Endoprothetikzentrums 2015

Eingriffe am Kniegelenk und insbesondere der künstliche Gelenkersatz am Knie, stellen hohe Anforderungen

  • an das implantierte Material
  • an die neue Gelenkmechanik
  • und die folgende funktionelle Zusammenarbeit zwischen der Prothese und den Muskeln
  • sowie an die Kapsel-Band-Strukturen. 
Chefarzt Privat-Dozent Dr. med. Jens Richter
Oberarzt Dr. med Andreas Nürnberger
Oberarzt Patrik Stenkhoff

Das dichte Nervennetz in der Kniekapsel erfordert darüber hinaus eine besonders schonende und balancierende Operationstechnik, damit die Muskelfunktion so wenig wie möglich dadurch gestört wird. Der minimal-invasive Weg mit seinen kürzeren Hautschnitten hat in den letzten Jahren an dieser Stelle keinen spürbaren Vorteil für den Patienten gebracht. Im Gegenteil, die Fachliteratur spricht von einer erhöhten Rate an Implantationsfehlern (die eventuell durch zu enge Operationsblickfenster bedingt sind). Die Zahl der eingesetzten Prothesen ist in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen. Begründet durch die natürlichen Altersentwicklung in Industrieländern wie Deutschland, aber auch, weil überproportional mehr jüngere Patienten (< 55 Jahre) ein künstliches Kniegelenk bekommen haben.

Anlass für die Patientenkonsultation in unserem Endoprothetikzentrum ist in der Regel das Beschwerdebild einer Arthrose (Knorpelverschleiß). Wir können aufgrund unserer langjährigen Erfahrung sowie durch kontinuierliche Fortbildungen auf Erkenntnisse zurückblicken, die uns als Kniespezialisten helfen, die Behandlung bei Gelenkproblemen durch eine sehr individuelle Beratung, Planung und Methodenwahl zu verbessern.

Dabei stehen zunächst konservative - das heißt nicht-operative - und erst dann operative Methoden zur Wahl. In einer solchen Stufentherapie wurde in der Regel bereits durch den niedergelassenen Kollegen (Orthopäde/Unfallchirurg/Hausarzt) eine konservative Behandlung durchgeführt und er ist anhand seiner Diagnostik zu dem Ergebnis gekommen, dass eine fortgeschrittene Gelenkabnutzung vorliegt, die eine Operation erforderlich macht.

Die übereinstimmende Beurteilung der Behandlungsmethode zwischen dem niedergelassenen zuweisenden Kollegen und uns schafft Vertrauen. Diese ist wiederum eine gute Grundlage für die baldige postoperative Genesung. Dennoch gibt es Risikofaktoren auf der Patientenseite, die trotz regelrechter Operationstechnik das Behandlungsresultat negativ beeinflussen können. Solche gilt es im Rahmen der fachärztlichen Untersuchung herauszufinden und anzugehen – soweit dies möglich ist. Adipositas ist in unseren Händen kein merklicher Risikofaktor, wenn nicht eine entzündliche Stauungsdermatitis vorliegt!

Am Anfang steht für uns immer die Frage: „Ist ein künstlicher Gelenkersatz noch zu vermeiden?“ 

Das Beratungsgespräch im Endoprothetikzentrum am Marienhospital Gelsenkirchen stellt sich auf die individuellen Belange des Patienten ein. Dies ist zumeist dann der Fall, wenn ein niedriges Chondromalaziestadium und eine sichtbare Achsenabweichung vorliegen.

Achsenkorrigierende Osteotomien am knienahen Ober- oder Unterschenkel mit winkelstabilen Titanimplantaten (z.B. Tomofix®) sind heute Routineeingriffe mit einer sehr geringen Komplikationsrate. Vorteilhaft sind dabei die frühfunktionelle Nachbehandlung und positive Stoffwechselwirkungen auf den chondromalazischen Gelenkknorpel. . Nach einer knienahen Umstellungsosteotomie (Beinachsenkorrektur) empfehlen wir einen Regenerationszeitraum von bis zu 3 Monaten einzuplanen, wobei die Vollbelastung nach 4 Wochen erlaubt wird.

Weitere Optionen sind die Meniskusrekonstruktion mit einem strukturierten vaskulären Allograft (collagen meniscus implant = CMI, siehe Bild). Das Implantat ist arthroskopisch implantierbar. Es benötigt eine brauchbare Verankerungszone am Restmeniskus und es muss vom Körper biologisch durch Revaskularisationsprozesse integriert werden. 

Regeneration von Gelenkknorpel

Der (Gelenk)Knorpel erfüllt wichtige Funktionen innerhalb der komplexen Struktur der Gelenke. Einerseits sorgt er für die reibungslose Bewegung der Knochen im Gelenk, andererseits kann er Belastungen und Stöße bis zum siebenfachen unseres Körpergewichtes auffangen und dämpfen. Auf Grund dieser Eigenschaften werden Beschädigungen der Knochen verhindert. 

Ist der Gelenkknorpel geschädigt und hat einen bestimmten Schädigungsgrad erreicht (Grad III – IV nach Outerbridge), reichen konservative Behandlungsmethoden wie medikamentöse Therapie oder Physiotherapie nicht mehr aus und ein orthopädischer Eingriff wird unausweichlich. Je nach Art und Größe des Gelenkknorpelschadens kommen verschiedene operative Behandlungsmethoden zum Einsatz, denn ein Gelenkknorpel kann sich nicht selbst regenerieren. Bei Schädigung verliert er seine Funktion und der Patient hat Schmerzen. Eine Behandlung ist unausweichlich, um eine Verschlechterung des Zustandes des betreffenden Gelenkes zu verhindern. 

Eine besondere Option der gelenkseitigen biologischen Rekonstruktion ist die der „Knorpel-Regeneration“ durch die AMIC-Technik an (autologous matrix-induced chondrogenesis). Dabei wird der Knorpeldefekt arthroskopisch oder durch eine Mini-Arthrotomie bis zur zellreichen Knochenspongiosa abgetragen, damit die dort ansässigen Stammzellen in den Regenerationsprozess aktiviert werden. Auch hiernach ist eine früh-funktionelle postoperative Behandlung möglich. Sinnvoll ist diese innovative Methode, wenn die Ursache des Knorpeldefektes in einem traumatischen Knorpelabriss oder in einer juvenilen Osteochondrosis dissecans liegt. Die Behandlung degenerativer kleiner und mittelgroßer Knorpelabnutzungen durch eine Knorpel-Regenerationsoperation sollte auf jüngere Patienten (bis ca. zum 49. Lebensjahr) beschränkt bleiben. Gerade die beruflich Aktiven ab dem vierzigsten Lebensjahr sind von diesen Fragestellungen betroffen. Da für die biologische Regeneration bis zur Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit in der Regel mehr als drei Monate, nicht selten bis zu einem halben Jahr, einzuplanen ist, wird dies in dem ambulanten Beratungsgespräch mit dem Betroffenen sorgfältig erörtert.

 

 

Fortführung

Unicondyläre Schlittenprothese oder bicondylärer Oberflächenersatz? 

Diese Frage stellt sich, wenn gelenkerhaltende Operationstechniken nicht mehr sinnvoll sind. Abhängig von dem Patientenalter, der Ausdehnung der Knorpelabnutzung sowie der Bandstabilität des betroffenen Kniegelenks wird diese Frage bei jeder Prothesenindikation individuell von uns angesprochen und abgeklärt. Bei genauer Prüfung wird durch die beiden Prothesendesigns unterschiedliche Patienten-Indikation angesprochen. Die Schlittenprothesen-implantation mit einer mobilen Inlaykomponente ist möglich für den lokalen Gelenkverschleiß auf der Innen- bzw. auf der Außenseite. Achsenabweichung von über 10 Grad und ein Streckdefizit von über 10 Grad dürfen nicht vorliegen. Weiterhin werden eine intakte Bandspannung des vorderen Kreuzbandes und eine tragfähige Knochenqualität im Implantationslager vorausgesetzt. Ausgeprägte Verschleißkniee erhalten darüber hinaus eine teilgekoppelte Prothese mit kurzen „Ankerstielen“ für eine optimale Stabilität. Auf diese Weise können wir die individuellen Patientenbedürfnisse adressieren. 

Optimierungen in der Knieendoprothetik wurden durch uns in den letzten Jahren zum einen durch die digitale Operationsplanung erzielt, zum anderen durch eine hohe Variabilität der Prothesengrößen, die im Marienhospital zur Anwendung kommen. Während die digitale Planung am Computer die späteren Knochenschnitte simuliert und optimiert, kann sich der Operateur schon vor dem eigentlichen Eingriff einen profunden Eindruck verschaffen, was ihn erwartet und für das Patientenknie mehrere individuelle Lösungen antizipieren. Das schafft Sicherheit auf beiden Seiten. Die Hygiene im Operationssaal spielt ebenfalls eine sehr große Rolle. Dieser Aspekt wurde im Rahmen der Zertifizierung zum EndoprothesenZentrum besonders unter die Lupe genommen und als optimal eingestuft. Die Variabilität der im OP zur Verfügung stehenden Prothesendesigns deckt eine Vielzahl von anatomischen Diversitäten ab. Die Geometrie des Kniegelenks ist für beide Geschlechter unterschiedlich (s. Abb. ; blau = Männer, rosa = Frauen). Für Frauen und für Männer bieten wir das so genannte high-flex „Frauen-„ bzw. das so genannte high-flex „Männerknie“ an. Hierdurch wird eine anatomisch verbesserte Bedeckung der Knieoberfläche erzielt und weniger Knochen reseziert. Die kontinuierliche Weiterentwicklung dieses hohen Standards hat zu dem so genannten „Persona-Knie“, das „personalisierte Kniesystem“ (s. Abb. ) geführt, dass seit diesem Jahr im Marienhospital zum Einsatz kommt. Die Vorteile sind:  

  1. Eine Optimierung der Tibia Passform. 
  2. Eine feinere Abstimmung der Gleitflächendicke in 1-Millimeter-Schritten, was der Balancierung zu Gute kommt. 
  3. Eine noch höhere Variabilität der Femurkomponente in 21 Größen für ein verbessertes Mapping.

 

Das moderne Knie-Endoprothesensystem definiert Personalisierung neu durch seine präoperative Patienten-Spezifität und intraoperative Anpassungsmöglichkeit an den Patienten - dem wichtigsten Schritt bei der präzisen Rekonstruktion des menschlichen Kniegelenks. Durch die verbesserte Variabilität sind bessere Feinabstimmungen der anatomischen Komponenten und eine feinere Abstimmung der Größen möglich, damit durch die Operation die Passform optimal an die individuellen anatomischen Gegebenheiten angepasst werden kann.  

Was passiert nach der Operation? 

Diese Phase ist genauso wichtig, wie die Operation selber. Abschwellende Maßnahmen und eine angemessene Schmerztherapie stehen in den ersten Tagen im Vordergrund. 

Postoperative Schmerztherapie

Für die rasche Erholung nach dem Operationseingriffen hat die optimale postoperative Schmerztherapie einen besonderen Stellenwert: Je schmerzfreier die postoperative Phase ist, desto schneller gelingt auch die Rehabilitation. Dazu gehören eine gute Wundheilung, zügige Mobilisierung aus dem Bett und natürlich auch das bessere subjektive Wohlbefinden des Betroffenen. In Abhängigkeit von den zu erwartenden Schmerzen und der Art einer Operation beginnt die Planung bereits präoperativ. Geringere Schmerzen können durch eine Kombination aus Tabletten mit unterschiedlichen Wirkansätzen erzielt werden. Stärkere Schmerzen werden erfolgreich durch bereits vor der Operation angelegte Katheter zur Nervenblockade und durch sog. Schmerzpumpen für die kontinuierliche Gabe einer schmerzlindernden Lösung behandelt.

Schmerzkatheter

Bei kontinuierlichen Nervenblockaden wird die Schmerzleitung durch dünne Katheter, die geringe Mengen eines örtlichen Betäubungsmittels zu den schmerzenden Nerven transportieren, unterbrochen. Dadurch kann auch die Ausbildung eines sogenannten Schmerzgedächtnisses, das bei späteren Operationen zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung führen würde, verhindert werden. 

Schmerzpumpen

Computergestützte Pumpen ermöglichen es, genau die Menge an örtlichen Betäubungsmitteln zur Schmerzlinderung abzugeben, die sie für eine gute und schnelle Bekämpfung ihrer Beschwerden benötigen. Unsere Pumpen werden individuell für jeden einzelnen Patienten programmiert, so dass neben einem Maximum an Sicherheit gleichzeitig ein hoher Komfort erreicht wird. Auch ein Zuviel an Schmerzmedikamenten kann durch diese Technik zuverlässig verhindert werden. Zur Überwachung von Wirksamkeit und guter Verträglichkeit der Schmerzbehandlung werden alle Patienten täglich von Ärzten der Anästhesie- und Schmerzabteilung visitiert und untersucht. Dadurch kann die Schmerztherapie bei Bedarf kurzfristig den aktuellen Bedürfnissen angepasst werden. 

Das Team der Physikalischen Therapie im Endoprothetikzentrum Gelsenkirchen

Krankengymnastik und Physikalische Therapie

Die regelmäßige Physiotherapie und Lymphdrainage tuen ihr weiteres dazu. Da in der Regel eine Vollbelastung nach der Prothesenimplantation erlaubt ist, helfen die Gehstöcke das Gleichgewicht zu halten und Stürzen vorzubeugen. Eigenständiges Gehen wird gegen Ende der ersten postoperativen Woche von nahezu allen Patienten erreicht. 

 

Erika Goerz - Ihre Ansprechpartnerin zu allen Fragen rund um die Rehabilitation nach dem Aufenthalt bei uns

REHA

Die Reha schließt sich nahtlos oder nach einem ein bis zweitägigen Aufenthalt in der häuslichen Wohnung dem Krankenhausaufenthalt an. Schon vor der stationären Aufnahme besprechen Sie mit unserer Sekretärin die Möglichkeiten der Weiterbehandlung in der REHA. Ambulante oder stationäre REHA-Einrichtungen können gewählt werden. Zu Beginn Ihrer stationären Behandlung wird der REHA-Antrag von uns mit den aktuellen OP-Daten an den zuständigen Kostenträger gesandt. Dieser entscheidet selbständig nach der Antragszustellung über die Form des REHA-Verfahrens. Für alle Rentner ist die Krankenkasse, für alle Berufstätigen die Rentenkasse und für Arbeitsunfälle die Berufsgenossenschaft zuständig. Bei Selbstzahlern wird Kontakt mit der Privatkasse aufgenommen. 

Mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre sowie durch optimierte präoperative und intraoperative Abstimmungen wird der (künstliche oder erhaltende) Gelenkeingriff zu einer Therapiemethode, deren Ablauf und Prognose reproduzierbar und planbar ist. Wir sind in der Knieendoprothetik zwar noch ein Stück weit davon entfernt, ein künstliches „Originalgelenk“ zu implantieren, die moderne Technik kommt dem jedoch wieder ein Stück näher.